Zeit zu haben ist die eine, sich diese Zeit für sich zu nehmen die andere Seite der Medaille. Viele von uns haben noch gelernt, dass Nichtstun Zeitverschwendung ist. Ganz ehrlich: Auch ich habe lange so gedacht und gehandelt. Und dann komme ich nach Thailand, Vietnam und Kambodscha. Was passiert? Ich sehe, beobachte und lerne gerade dort etwas Wichtiges:
Zeit ist das, was du daraus machst
Ein Mann liegt schlafend in der Hängematte. Eine von tausenden in diesem Land. Männer wie Hängematten. Ich frage mich scherzhaft beim Anblick, haben sie dieses Geflecht extra erfunden, um die Zeit totzuschlagen? Oder, um die Zeit in eine Aktivität zu wandeln, ohne selbst aktiv sein zu müssen. Sozusagen: Die Seele baumeln zu lassen.
Und woher komme ich? Aus dem Strudel von Stress, Hektik, Krankheit und Terminen. Es beginnt also schmerzhaft und endet in Überlegungen, die mich weiterbringen. Ich nutze diesen Moment, weil ich Zeit habe – und sie mir nehme, um ernsthaft darüber nachzudenken.
Denn ist Zeit nicht gerade dieser besondere Luxus, nachdem wir uns sehnen? Während durchgetakteter Arbeitstage und energieraubendem Alltagsstress. Funktionieren müssen, das können wir. Termine einhalten. Pläne schmieden. Perfekt organisieren und zuverlässig sein ist in Fleisch und Blut übergegangen.
Wir sehnen uns nach „endlich Zeit für uns“. Und dann?
Wir sind durch unseren auf Leistung getrimmten Lebensstil so konditioniert, dass wir mit Zeit in Hülle und Fülle nichts mehr anzufangen wissen. Hoppla.
Diese spannenden Gedankengänge lassen mich aufhorchen, während der Mann weiter abhängt. Wie jeden Tag, wenn es augenscheinlich nichts zu tun gibt.
Es gibt nichts zu tun.
Schon wieder so ein Satz, der leicht dahingesagt in meine Gedanken huscht und im realen Leben doch so schwer umzusetzen ist.
Warum ist das so? Viele von uns kennen diesen einen, oft vorwurfsvoll geäußerten Satz der Eltern: „Hast du nichts zu tun?“ Autsch, gegängelt und getriggert zugleich. Bloß nicht nutzlos auf der Couch sitzen. Sondern pausenlos etwas erledigen müssen. Wobei sinnvoll relativ betrachtet werden kann.
Und plötzlich hatte ich Zeit in Südostasien. Zeit, um Nichts zu tun.
Ruhe und rasten, statt Hektik und hasten. Beobachten, einfach sein. Langeweile aushalten. Den durch die Palmwedel streifenden Wind in den Haaren fühlen. Die Augen schließen. Dem zauberhaften Klang der Wellen zuhören.
Die Uhr vernachlässigen – es gibt keine Termine. Keiner zieht und zerrt, hegt Erwartungen und ich muss liefern. Herrlich. Einfach die mich umgebende Ruhe und vor allem das Nichtstun aushalten lernen. Wunderbar.
Früher hätte das Nichtstun mich nervös gemacht. Ich spüre in mich hinein: Der innere Motor möchte anspringen. Zu schnell falle auch ich in alte Gewohnheiten. Plötzlich nervt es, die Lebenszeit nicht sinnvoll zu füllen. Ich möchte planen, den Reiseführer bemühen, neue Ziele zu entdecken. Doch HALT. Meine gedrückte Stopptaste rettet mich und zieht mich zurück. Ich genieße weiter.
Was ist wichtig – wer definiert das eigentlich?
Die Smartphone-Phobie, Streaming-Dienste, Werbung oder Serienangebote zu jeder Zeit, die überall auf der Welt Einzug gehalten haben, helfen hervorragend dabei, vorhandene Zeit geradezu „tot“ zu schlagen. Ja, sie zu vernichten. Wie oft dröhnen wir uns mit etwas zu, das wir nicht brauchen. Wir lassen uns berieseln. Ablenken und manipulieren, anstatt uns auf uns zu konzentrieren und zu fokussieren. Ein Umstand, der in der westlichen Welt normal ist, doch aus meinen Beobachtungen, in Asien ebenso rasend schnell Einzug hält. Nur zugeben würden es sicherlich die wenigsten.
Ursachenforschung
Ich stellte mir daher die Frage, was ist der Unterschied zwischen einem Alltag, vollständig durchgetaktet, festgezurrt und verplant und einem Alltag, der zwischendrin Luft zum Atmen und Bummeln lässt. Jeden Tag. Jede Woche. Monatelang.
Im Takt des Hamsterrads:
- Mein Inneres findet keinen Weg zu mir.
- Neue Themen und Geistesblitze werden nicht gedacht und bleiben unbesprochen.
- Empfindungen bleiben ungespürt. Emotionen zur Seite gedrängt.
- Loslassen und Reflektieren finden keinen Platz
Erkenntnisse, die sich zeigen, wenn man sich selbst genau zuhört:
- Kein Müssen müssen, sondern dürfen können.
- Was will ich wirklich?
- Wohin will ich – oder eben nicht.
- Möchte ich das sehen und erleben – oder eben nicht.
- Muss ich das besitzen – oder eben nicht.
- Ich fühle und drücke es aus, wie es mir gefällt.
Fragen während einer Reise, die sich hervorragend auf das Leben projizieren lassen.
Wir haben immer die Wahl. Und genau da unterscheidet sich die alte Denk- und Handlungsweise von der neuen. Spontan sein. Ich sein. Langeweile genießen.
Weg von FOMO – Hin zu SLOW.
Sich Zeit zu nehmen für planloses Agieren bedeutet auch, schätzen zu lernen, was man hat. Manchmal liegt der richtige Weg bereits vor dir, du darfst ihn erkennen und achtsam loslaufen.
Der erste Schritt. Dann noch einer und noch einer.
Die Zeit in der Hängematte – ohne schlechtes Gewissen.
Die Erlaubnis, langsamer zu werden und Nichts zu tun.
Dem inneren Ruf folgen.
Ich durfte in Südostasien entdecken wie befreiend es ist, wieder bei mir selbst anzukommen. Meinen Werten und Regeln zu folgen.
Probiere auch du es aus. Bevorzugt jetzt sofort innerhalb der nächsten Stunde.
Alternativ an einem Nachmittag, den du dir fest im Kalender markierst als ICH-Zeit. An einem Wochenende. Im nächsten Urlaub.
Zeit ist das, was du daraus machst. Es geht nicht darum, ein neues Leben zu beginnen. Sondern darum, das eigene Leben deutlicher zu sehen, zu spüren und zu gestalten. Vielleicht einfach spontan in der Hängematte abzuhängen, weil es guttut und es gerade nichts zu tun gibt.
Wenn dich diese Gedanken ansprechen, findest du viele weitere Geschichten über bewusste Neuanfänge, Erkenntnisse und mein Sabbatical in Südostasien in meinem neuen Buch „Aufbruch zu mir“.

